Schnee durchbricht die Stille

Der Klang des fallenden Schnees weckte mich. Ich riss die Augen auf. Perfekte Dunkelheit füllte das Schlafzimmer, obwohl ich keine Vorhänge besass und die Rollläden nie ganz zu schliessen pflegte. Ich klaubte mein Mobiltelefon vom Boden und schaltete es ein. In fahlem Blau leuchteten die Ziffern auf. Es waren jene Stunden der Nacht, während denen man nicht wusste, ob es noch sehr spät oder schon sehr früh war. Ich seufzte. Ein Zerren in meinen Schultern sagte mir, dass ich mich im Schlaf verkrampft hatte. Vielleicht hatte ich wieder schlecht geträumt. In letzter Zeit war es oft derselbe Albtraum, der mich plagte:

Es war ein kalter Nachmittag und die Wolken hingen tief und schwer über der Stadt. Trüb weissliches Licht füllte die Strassen. Unzählige Autos brausten an mir vorbei, doch das Trottoir war menschenleer. Blickdichte und wild anmutende Hecken wucherten am Rand des Stadtparks, der sich zu meiner Rechten erstreckte. Nur ab und zu gab eine Lücke den Blick frei auf sein Inneres, das von weiteren Hecken und mächtigen Ahornbäumen durchdrungen war. Ein paar Vögel stieben aus einem Strauch heraus, als ich daran vorbei lief. Dann plötzlich ein Schrei. Ich hielt inne. In der Ferne löste sich die Silhouette einer Frau von der Hecke. Sie begann zu rennen. Als sie sich mir näherte, erkannte ich, dass es Julie war. Sie rief um Hilfe, schrie mit bebender Stimme meinen Namen. Doch ich wusste nicht, was sie in Angst versetzt hatte und wie ich ihr helfen konnte. Sie streckte ihre Arme nach mir aus. Doch kaum hatten mich ihre Fingerspitzen berührt, stiess ich sie reflexartig zurück. Mit aufgerissenen Augen starrte sie mich und und noch während sie rückwärts umfiel, versuchte ich sie zu packen und festzuhalten. Doch ich war zu langsam und als ihr Kopf auf dem Randstein aufprallte, gab er ein widerlich knacksendes Geräusch von sich.

Ich stand auf, streckte mich, kurbelte die Rollläden hoch, öffnete das Fenster, lehnte mich auf den Sims und starrte in die Nacht hinaus. Ich fragte mich, was der Traum zu bedeuten hatte. Ich kannte Julie und wollte ihr nichts Böses. Weshalb also verfolgte mich dieser Traum eines Unfalls, der nie geschehen war und nie geschehen würde, so hartnäckig?

Schnee schwamm in der Finsternis der Nacht. Die Strassenlampen waren ausgeschaltet und in der Nachbarschaft gab es nur wenige Fenster, hinter denen Licht brannte. Die Luft roch gut, frisch und rein. Ich füllte meine Lungen und ein Frösteln überkam mich, das bis in meine Zehen drang. Widerwillig schloss ich das Fenster.

Ich legte mich wieder hin, doch die Kälte hatte das letzte bisschen Schläfrigkeit aus meinem Körper getrieben und meine Gedanken hatten sich am Albtraum festgekrallt. War ich Julie vielleicht doch nicht so gut gesinnt, wie ich dachte? Blühte Missgunst in meinem Unterbewusstsein? Nicht, dass dies bei unserer Vergangenheit überraschend gewesen wäre, aber ich hatte nie Hass gegen sie verspürt, was den Albtraum so rätselhaft machte. Selbst als sie versucht hatte, mich eine Treppe runter zu stossen und ich mich im letzten Moment ans Geländer klammern konnte, hatte ich sie nicht gehasst. Der Schreck hatte zwar mein Herz rasen lassen und meine Beine zittrig gemacht, aber ich hatte bloss gelacht, als sie sich abgewandt hatte und davon gelaufen war. Doch vielleicht hatte der Vorfall doch tiefere Spuren in mir hinterlassen und was ich ihr im Traum antat, war die gerechte Strafe, die ich ihr wünschte.

Nach einer Weile erhob ich mich vom Bett, das sonst so weich war und sich nun so hart anfühlte. Ich zog ein Paar Hosen und einen dicken Pullover über, schlüpfte in eine Winterjacke und in Winterstiefel und verliess dann meine Wohnung. Mit einem leisen Klicken fiel die Tür ins Schloss. Eine der Leuchtstoffröhren im Flur flackerte gespenstisch. Wie gewöhnlich nahm ich die Treppen und nicht den Lift. Nur wenig später war ich draussen.

Der Schnee knirschte unter meinen Sohlen. Flocken verfingen sich in meinen Wimpern. Ab und zu verirrte sich eine in meine Augen und schmolz auf der Hornhaut, was ein kurzes Brennen verursachte, das mich zwar irritierte, aber meine Freude am Schnee nicht im Geringsten beeinträchtigte.

Bald merkte ich, dass ich Handschuhe hätte anziehen sollen. Die Kapuze hatte ich schon längst über den Kopf gezogen, aber meine Finger hingen in der frostigen Dezemberluft, mein Mobiltelefon umklammernd. Blinzelnd tippte ich eine kurze Nachricht. Zögerlich schickte ich sie ab.

Gefesselt vom hypnotisch fallenden Schnee zuckte ich überrascht zusammen, als mein Mobiltelefon vibrierte. Verwundert blickte ich auf den weisslich glimmenden Bildschirm. Die Antwort bestand lediglich aus einer Adresse. Ich zauderte einen Moment, dann zuckte ich mit den Schultern und machte mich auf den Weg.

Als ich beim Appartementkomplex ankam, dessen Adresse mir Julie gegeben hatte, wartete sie bereits vor dem Gebäudeeingang. Ich vermutete, dass sie dort wohnte oder sich aus anderen Gründen schon dort befunden hatte, aber schlussendlich ging mich das nichts an. Ich begrüsste sie und sie küsste mich wortlos. Ihre Lippen verharrten für einen langen Moment reglos auf meiner Wange, dann lösten sie sich und Julie fragte: “Wohin gehen wir?”
“Ich weiss nicht. Ich bin noch nie in dieser Ecke der Stadt gewesen. Was schlägst du vor?”
Sie schlug ihre Wimpern nieder. Dunkler Lidschatten rahmte ihre Augen. Dann packte sie meinen Ärmel mit zwei Fingern und zog mich über die Strasse zu einer Bar. Sie sah so modern aus wie das Hochhaus, in deren Erdgeschoss sie sich befand: Glasfenster vom Boden bis zur Decke, dezente Beleuchtung, und dunkel gehaltenes Mobiliar. Nur wenige Gäste waren in der Bar, die meisten davon sassen alleine. Ausser dem Barkeeper blickte niemand zur Tür, als ein leises Klingeln unsere Ankunft kundtat.

Mit unseren Getränken setzten wir uns in einer Ecke der Bar in tiefe und weiche Sessel. Ich nippte an meinem Bourbon und beobachtete Julie. Sie hatte den Kopf leicht zur Seite geneigt und blickte in die Nacht hinaus.
Ich räusperte mich. “Es hat mich überrascht, dass du so schnell geantwortet hast.”
“Eh, ich war gerade wach und da wir uns so lange nicht mehr gesehen hatten, dachte ich, wir könnten uns mal wieder treffen.”
“Habe ich dich eigentlich geweckt oder bist du schon wach gewesen?”
Ihr Kiefer zuckte.
“Sorry. Blöde Frage.”
Sie schüttelte den Kopf und öffnete den Mund, schloss ihn aber sogleich wieder.
“Ich wache selten mitten in der Nacht auf”, begann ich mein eigenes Wachsein zu erklären. “Vielleicht mal, weil ich unbedingt auf die Toilette muss. Aber dann schlafe ich sofort wieder ein. Aber dieses Mal war ich hellwach.” Ich zögerte kurz.
“Es war meine Schuld, nicht wahr?” fragte sie mit einem leicht schmollenden Ausdruck. “Dass wir uns so lange ni-”
“Nein, nein”, fiel ich ihr ins Wort. “Unsere Wege haben sich bloss getrennt, nachdem wir-”
“Du musst mich für eine fürchterliche Person halten”, sagte sie. “So wie ich dich damals behandelte.”
Ich schwieg, unwissend, was ich darauf erwidern sollte.
Sie nickte bitter lächelnd. “Ich wusste es. Wieso wolltest du mich überhaupt sehen, wenn du mich so hasst?”
“Aber ich-”
“Oh Gott, du hast gar nicht geschrieben, dass du-”, begann sie. “Ich nahm einfach an-”
“Ich bin gerne hier mit dir, Julie.”
Sie nahm einen grossen Schluck Eiskaffee und musterte mich. “Klar”, sagte sie lustlos. “Wieso solltest du auch nicht?”
Ich wandte meinen Blick für einen Moment ab. Die Unruhe liess meine Haut jucken.
Julie senkte den Kopf. Ihre Stirnfransen warfen einen Schatten über ihr Gesicht. “Erinnerst du dich noch”, fragte sie leise, “an den Tag am Meer?”
Ich nickte.

Es war der letzte Tag gewesen, den wir zusammen verbracht hatten. Der Ausflug war lange zuvor geplant und auf dieses Datum festgelegt worden. Deshalb konnten wir ihn nicht verschieben, als sich herausstellte, dass er verregnet sein würde. So kam es, dass wir am früheren Morgen in Regenjacken statt in Badehosen am Strand standen. Die Brandung schäumte weiss und wütend. Ab und zu rollte eine meilenweiter und meterhocher Brecher auf den Strand zu. Niesel füllte die Luft, überzog unsere nackten Gesichter mit klebriger Kälte. Wir zogen uns bald in ein Strandcafé zurück, wo wir während Stunden an Eiskaffees und heissen Schokoladen nippten. Gegen Mittag suchten die anderen unserer Gruppe ein Restaurant auf. Ich verblieb mit Julie im Café. Es war einer dieser Tage, an denen ich weder Hunger noch Appetit hatte. Und das, obwohl ich Regenwetter sonst so anregend fand. So kam es mir gelegen, dass Julie eine Magenverstimmung geltend machte, um sich vom Mittagessen zu entschuldigen. Da sich sonst niemand anerbot, mit ihr im Café zu bleiben, fiel es mir zu, dies zu tun. Ich hätte mich leicht weigern können, aber ich hatte ähnlich wenig Lust wie Julie, mehr Zeit mit den andern zu verbringen. Julie kannte ich wenigstens, auch wenn unser Verhältnis getrübt war.
“Ich hasse sie,” klagte sie, als wir alleine waren.
“Wen?” fragte ich.
“Du weisst schon”, sagte sie und machte eine Handbewegung.
Ich nickte. Die Geste war unverkennbar. “Und nun?”
Sie lächelte. “Gehen wir raus.”
“Willst du nichts essen?”
“Ich sagte doch, ich-”
“Wir sind unter uns, du kannst offen sprechen”, schnitt ich sie ab.
“Willst du damit sagen, dass ich lüge?” fragte sie, stand auf und verliess das Café.
Ich folgte ihr. Der Regen hatte nicht nachgelassen. Julie hatte ihren Schirm nicht aufgespannt. Als sie sich umdrehte, sah ich, dass ihre Regenjacke offen stand und der Regen ihre weisse Bluse durchtränkt hatte.
“Hast du von der Titan-Mission gehört?” fragte sie mit einem skeptischen Ausdruck.
Ich nickte.
“Wolltest du nicht auch teilnehmen?”
Ich schüttelte den Kopf. “Ich habe nie darüber nachgedacht.”
Sie blickte über die brodelnden Wogen hinaus in die Ferne. “Ich weiss nicht, ob ich dir glauben kann.”
Ich stellte mich neben sie. “Hast du dich beworben?”
“Ich bin untauglich”, sagte sie.
“Bist du sicher?”
“Ja”, antwortete sie mit einem missmutigen Unterton.
Das Rauschen des Meers füllte die Stille zwischen uns. “Ich schätze, ich bin eher der Astronomie zugeneigt als der Astronautik.”
Sie lehnte sich gegen mich. “Aber sehnst du dich nie danach?”
Ich schwieg. Nicht wissend, ob die Zweideutigkeit ihrer Worte Absicht war.

“Bist du danach je wieder dortgewesen?” weckte sie mich aus den Erinnerungen.
“Nein”, antwortete ich. Es war keine bewusste Entscheidung gewesen, aber rückblickend war ich froh darum. Den Strand ohne Julie zu bewandern, wäre schmerzlich gewesen. “Gehen wir doch mal wieder dorthin”, schlug ich vor.
Sie blinzelte. Dann trank sie den letzten Schluck Eiskaffee und sagte: “Ich bin müde. Lass uns gehen.”

Wir traten aus der Bar hinaus. Wie es meine Gewohnheit war, blickte ich zum Himmel, der sich in der Zwischenzeit aufgeklart hatte. Hoch über uns glühte ein silbernes Reiskorn. Ein Sternenschiff kehrte zur Erde zurück. Julie starrte auf ihr Smartphone. Ich stupste sie an und zeigte mit dem Finger auf das Schiff. Ihr Blick folgte meinem ausgestreckten Arm und blieb für einen Moment an meiner Hand hängen, bevor er auf dem Schiff zu ruhen kann. Ihr Gesicht blieb ausdruckslos. Minuten vergingen, dann grub sich ein Lächeln in ihre Augenwinkel und ein Zittern schlich über ihre Lippen.

Efeuüberwucherte Bibliothek

Gläsernes Lachen verklingt
sie bettet ihren müden Kopf
auf das Buch, das vor ihr liegt
schwarz geschmückte Lettern
unter ebenso dunklem Haar

Stimmengewirr lastet auf ihr
bleiern und hart wie Gletscher
sie murmelt ein letztes Wort
ihre Ohren werden taub und kalt
als der Schlaf in sie kriecht

Müdigkeit zerbricht im Tag
ihre Finger zucken schwach
sie blinzelt leicht verwirrt
dann liest sie zögerlich weiter
Gedanken schwimmen im Abendlicht

Mit kalten Fingern pflückt sie
Normalität von ihren Schultern
lächelnd lässt sie die Welt
zerfallender Bücher hinter sich
und tritt in den rosa gefärbten Nebel.

ars artis gratia